Helmut & Johanna Kandl – Partizipatorische Projekte zur Eingliederung sozialer Prozesse

 

Die künstlerische Arbeit von Helmut & Johanna Kandl kennzeichnet eine Auseinandersetzung mit zwischenmenschlichen Erfahrungsmomenten, die sich aus unterschiedlichen sozialen Konstellationen und kontextspezifischen Begegnungen ergeben. Gemeinsam arbeitet das KünstlerInnenpaar seit 1997 an einem konzeptuellen Umgang mit sozialen Prozessen in Unternehmen und Betrieben sowie örtlichen Gemeinden, deren Strukturen die Grundlage für eine Kontaktherstellung und situative Neuorientierung zwischen MitarbeiterInnen, KundInnen und anderen in den jeweiligen Kontext eingebundenen Personen bildet.

In ihren unternehmensspezifischen Projekten fokussieren Helmut & Johanna Kandl jenes Potenzial, das in ArbeitnehmerInnen steckt, aber durch die Routine des Alltags kaum an die Oberfläche dringt. Es ist der Versuch, menschliche Fähigkeiten sowie spezielle Eigenschaften von Unternehmen und ihren MitarbeiterInnen ans Licht zu bringen, um gemeinsame soziale und kommunikative Prozesse vor dem Hintergrund der jeweiligen Unternehmensgeschichte zu fördern. Dadurch entgegnen die KünstlerInnen jenem intellektuellen Rassismus, wie ihn etwa die kroatischen Philosophen Tomislav Medak & Petar Milat als Fortführung von Foucaults Gouvernementalität in heutigen Betrieben definieren; ein Rassismus, der nicht rassenbedingt agiert, sondern Ein- bzw. Ausschlussmechanismen von Information und somit die Übertragung potenzieller Machtstrukturen betrifft.[1] In Anlehnung an Paolo Virno beziehen sich Medak & Milat auf jene inoffiziellen Arbeiterabkommen, die Indiskretion gegenüber dem Arbeitgeber in Bezug auf Wissen über die in den Arbeitsprozess eingegliederten Personen forcieren, jedoch die Verschwiegenheit gegenüber anderen KollegInnen zur Grundlage haben. Helmut & Johanna Kandl geht es in ihrer partizipatorischen Arbeit um eine Mischung aus lokaler bzw. betriebsinterner Geschichtsforschung und eine gleichzeitige Offenlegung spezifischer Merkmale des Unternehmens und seiner MitarbeiterInnen, jedoch nicht um Geheimnisse preiszugeben, sondern um Parallelitäten zu anderen ProtagonistInnen aus dem sozialen Umfeld aufzuzeigen und einen auf längere Sicht andauernden, offenen Kommunikationsprozess zu initiieren.   

Eines der wichtigsten Projekte von Johanna Kandl, das sich auf das Projekt Private Bilder von Leo Kandl und Helmut Schäffer (später Kandl) aus dem Jahr 1991/92 bezieht und als Vorreiter ihrer gemeinsamen Arbeit mit Helmut Kandl (ehem. Schäffer) gilt, war die Beschäftigung mit den ArbeiterInnen der Rohrbacher Schlosserwarenfabrik Wilhelm Grundmann anlässlich des 100-jährigen Bestehens der Firma im Jahr 1994. Den grundlegenden Schritt bei all diesen Projekten bildet die Kontaktaufnahme, in diesem Fall mit den ArbeiterInnen, von denen Johanna Kandl Fotos sammelte, die diese in den Betriebsstätten und Büros gemacht hatten. Kombiniert mit Texten zum Thema Arbeitswelt gestaltete Kandl die Festschrift der Firma, deren Belegschaft schließlich im Gobelinsaal der Wiener Staatsoper ihre Feier abhielt. Als barocke Deckenmedaillons wurden die Fotos der ArbeiterInnen in Form von stark vergrößerten Farbkopien auf der Decke appliziert, wodurch sie sich an die Ästhetik der Raumlandschaft anpassten, gleichzeitig aber bildungsbürgerliche Sichtweisen sowie traditionelle Formen des Visuellen in Frage stellten. Kandls Verknüpfung unterschiedlicher Lebens- und Arbeitswelten wird dadurch zu einem grundlegenden Moment ihrer Gesellschaftsanalyse jenseits der in sie eingeschriebenen kulturellen Hierarchien. Für Brigitte Huck liegt die Funktion von Kandls Kunst darin, „verschiedene Systeme und Kontexte zu verbinden [und] in verschiedenen Kontexten zu arbeiten. Der wichtigste Punkt ist immer die Frage, wie Kunst wahrgenommen wird, wie sich unsere Wahrnehmung zwischen dem, was vermeintlich Kunst und dem, was ganz offensichtlich nicht Kunst ist, auf unsicherem Boden bewegt.“[2] 

Die Eingliederung unterschiedlicher gesellschaftlicher Bereiche ins künstlerische Feld thematisierten Helmut & Johanna Kandl 1997 in der von Andreas Spiegl für die Secession kuratierten Ausstellung x-squared. Bei diesem Projekt organisierten die KünstlerInnen eine Reihe von Betriebsbesichtigungen in den Wirkstätten der Mitglieder und Förderer im Verein der Freunde der Secession. In der Ausstellung selbst waren die Betriebe mit Informationsprospekten und –broschüren bzw. Werbematerial vertreten. AusstellungsbesucherInnen konnten sich in eine Liste eintragen, um bei den diversen Besichtigungsprogrammen in so unterschiedlichen Betrieben wie Römerquelle Mineralwasser, Liska Pelze, BauMax oder den Austria Tabakwerken teilzunehmen. Hier zeigt sich eines der wesentlichen Elemente in Kandls Arbeit, die stets VertreterInnen von divergierenden kulturellen und sozialen Identitäten zusammenführen und einen Dialog und Austausch einzelner Personen propagieren, der in vielen Fällen über die temporär angelegte Projektarbeit hinausgeht. Wichtig bei diesem Projekt war die Faszination, die die beteiligten Personen aufbrachten, da stets unbekannte Personen aufeinander trafen und sich hier ein vorher nicht vorhersehbares Netzwerk an Interessen manifestieren konnte. Den öffentlichen Dialog forcierte Johanna Kandl auch bei einer Performance im Rahmen der Ausstellung, als sie über dem Eingang vom Dach der Secession weit verbreitete Vornamen wie Franz oder Maria in die Menge rief und dadurch die Aufmerksamkeit der PassantInnen auf der Straße erregte. In dieser sozialen Konstellation wurde nicht nur ein Dialog initiiert sondern vor allem die Demonstrationsmacht der SprecherInnenposition bzw. Funktion von Kommunikation im öffentlichen Raum auf den Prüfstand gestellt.                

Die Brüchigkeit von identitären Strukturen, die einst gesellschaftliche Cluster definierten, dient Helmut & Johanna Kandl als Ausgangspunkt ihrer Betrachtungen, um von an sich geschlossenen Systemen in struktur- und bewusstseinserweiternde Bereiche vorzudringen. Das Lokale steht hier immer für weitreichendere Veränderungen in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Prozessen, die aus der spezifischen Struktur der Betriebe und Gemeinschaften resultieren. Eines in dieser Hinsicht wesentlichen Projekte fand 1999 in der mittlerweile für Konzertveranstaltungen wie das Niederösterreich Festival verwendeten Werft in Korneuburg bei Wien statt. Seemannsgarn hieß der Titel jenes Projektes, das die Geschichte der 1993 stillgelegten Werft anhand von persönlichen Notizen, Interviews, Briefen, Faxen und  Emails der MitarbeiterInnen replizierte. Die Geschichte, die Helmut & Johanna Kandl hier aufzuarbeiten versuchten, betrifft jenes Moment, das Österreich vor allem während der Zeit des Kalten Krieges zu einer Drehscheibe zwischen Ost und West werden ließ, auf der vielerlei Geschäfte und Aktivitäten des Geheimdienstes der ehemaligen Sowjetunion und ihrer Mitgliedsstaaten getätigt wurden. So war die Werft in Korneuburg von 1945 bis 1955 in sowjetischer Hand und auch die Geschäfte nach dem Zweiten Weltkrieg vorrangig auf diese Länder ausgerichtet. Die Mitte des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufene Werft beschäftigte in ihrer Blütezeit mehr als 1000 MitarbeiterInnen und zeugt von einer Welt des Handels und der Schifffahrt, deren Erschließung nur einer kleinen Anzahl von Personen vorbehalten ist. Für viele eröffnet die Welt der Schifffahrt eine sehr spezielle Art der Weltbetrachtung, die mit keiner anderen Beschäftigung vergleichbar ist. Dies beschreibt auch der Held in Herman Melvilles Roman Moby Dick, Ishmael: “This is my substitute for pistol and ball ... There is magic in it. Let the most absent-minded of men be plunged in his deepest reveries – stand that man on his legs, set his feet a-going, and he will infallibly lead you to water, if water there be in all that region.”[3]  

Die Verstrickung in zahlreiche Geschichten, die sich bei Schifffahrten und auf See ereignen, nahmen Helmut & Johanna Kandl als Anlass für ihre künstlerischen Verflechtungen aus Malerei, Fotos, Textmaterialien, Notizen und Souvenirs, die rund um eine Boxinstallation in der Werft montiert und mittels Seemannsgarn einzeln verbunden wurden. Die grundlegende Recherche zu dieser Arbeit war der Versuch, den Verbleib der Schiffe auszumachen, nachdem diese die Werft verlassen hatten. Dabei begaben sich Helmut & Johanna Kandl auf den Weg entlang des Donaudeltas, um sich schließlich wie Melvilles Ishmael dem Abenteuer Schiff auszusetzen. Der weitest entlegene Ort auf dieser Reise war bezeichnenderweise Izmail in der Ukraine, wo eine Rückkehr per Schiff bevorstand, die jedoch aufgrund des Bombardements der Brücke in Novi Sad und des Kosovo Krieges plötzlich unmöglich wurde. Bei Seemannsgarn gelang es mit zahlreichen Dokumenten und den Mitteln der Oral History Geschichten rund um die Geschichte der Korneuburger Werft, ihrer Schiffe und MitarbeiterInnen zu (re-)konstruieren, die pinwandartig rund um die Box sowie als Videofragment in ihrem Inneren gezeigt wurden. Realität und Fiktion rund um den Mythos Schifffahrt sowie Geschichten aus der Zeit des Kalten Krieges wurden zu einer eindrucksvollen Text- und Bildcollage verbunden, die exemplarisch für Kandls Werk den Versuch darstellt, Erlebtes mit unterschiedlichen Bedeutungsvariabeln aufzuladen und dadurch die Frage nach der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem bzw. wie im Falle der Arbeiterabkommen, jenen Bereich zwischen offiziellen und inoffiziellen Versionen von Öffentlichkeit und Realität auszuloten.

Ähnlich wie beim Jubiläum der Grundmann Werke trat im Jahr 2000 die Firma Rema-print an Helmut & Johanna Kandl heran, um anlässlich eines Festes nach Anschaffen einer neuen Druckmaschine ein künstlerisches Projekt zu entwickeln. Im Vorfeld zum Fest wurden die KundInnen von Rema-print schriftlich kontaktiert, um diverse Fotos von sich einzusenden. Während des Festes wurden die Fotos auf der neuen Druckmaschine in Visitenkartengröße auf der Vorderseite des Bogens gedruckt, während auf der Rückseite die persönlichen Daten angegeben waren. Weiters wurden die Fotos und Daten oberhalb der Bar projiziert sowie ein Video gezeigt, das über die MitarbeiterInnen gedreht wurde und ein Monat lang im Schaufenster von Rema-print zu sehen war. Entscheidend war, dass hier alle MitarbeiterInnen zum Fest kamen und sich ein hoher Identifikationsgrad mit dem inhaltlichen Potenzial der Firmentätigkeit einstellte. Weiters konnte ein erneuter Transfer und Austausch von unterschiedlichen KundInnen- und MitarbeiterInneneigenschaften stattfinden, der in diesem Fall jedoch etwas homogener auszufallen schien als es bei den übrigen Beteiligungs- und Interventionsprojekten, etwa Auf der Insel Bella Lella von 2002 der Fall war. 

Ein interventionistisches Projekt der anderen Art fand anlässlich einer Ausstellung im Kulturverein auf Schloss Goldegg im Sommer 2005 statt. „Willkommen im Lido-Park“ versammelte unterschiedliche Werke in den für Helmut & Johanna Kandl üblichen Medien Malerei, Video, Fotografie. Doch handelte es sich hier nicht nur um eine bloße Werkschau, sondern, wie bei vielen von Kandls Projekten ging es auch hier um einen sozialen Bezug zur lokalen Gemeinschaft, der der Ausstellung eine spezifische Note geben sollte. Diesmal waren es keine wirtschaftlichen Faktoren, die die Zusammenarbeit vor Ort bedingten, sondern jener Gemeinschaftsgedanke, der gerade in kleineren Orten eine wesentliche Rolle spielt. Gemeinsam mit dem SchülerInnenchor der Hauptschule St. Johann studierten Helmut & Johanna Kandl ein Lied aus der Studentenbewegung der DDR der 1970er Jahre ein, das die revolutionären Ideen des Che Guevara unter dem Titel Commandante Che Guevara besang und dadurch gerade die Hoffnung einer jungen Generation auf eine zukunftsreiche Existenz schürte. Ein ähnliches Projekt fand auch im Jahr 2006 im Kunstverein Neuhausen statt, bei dem eine lokale SchauspielerInnenlaientruppe anlässlich von Helmut & Johanna Kandls Ausstellung unter dem Titel „Neuhausener und andere Geschichten“ ein eigenes Theaterstück einstudierte.

Im Rahmen der Ausstellung in Goldegg wurde der Auftritt des SchülerInnenchors vor dem Schloss als Video mit Datumsvermerk schlicht unter dem Titel Goldegg, 24. 6. 2005 gezeigt. Die Eingangsszenerie mit Kameraeinstellungen der Berge sowie die Performance der Jugendlichen in lokalen Trachten erinnerte an Momente aus dem Film The Sound of Music, der ebenso das Salzburger Land und seine BewohnerInnen in verquerer und anachronistischer Weise präsentiert. Peter Pakesch hielt daher in seiner Eröffnungsrede zu dieser Arbeit von Helmut & Johanna Kandl fest: „sie möchten uns mit einem paradoxen inversen Bild die ideologische und historische Bedingtheit der Volks- und Alltagskultur vor Augen führen. Wie wäre es gewesen, hätte der Sozialismus im Osten Europas mehr Erfolg gehabt und hätte die Studentenrevolution der 1960er Jahre zu einem gröberen Umsturz im Westen geführt?“ An dieser Stelle manifestiert sich Kandls künstlerischer Ansatz einer Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Traditionen und Geschichtsauffassungen in Ost- und Westeuropa sowie deren Bedeutungsverschiebungen in einer post-sozialistischen gesellschaftlichen Praxis. Die Überlieferung kultureller Traditionen zeigt sich jedoch in allen europäischen Ländern und hier vor allem in den ländlichen Teilen in einem gesteigerten Ausmaß. Letzteres galt es vor allem visuell zu studieren, da der Chor in der lokalen Tracht auftrat und sich so eine Irritation vor allem für die BesucherInnen der Ausstellung auftat, die aufgrund des Erscheinungsbildes der Jugendlichen einen anderen Liedinhalt vermutet hatten. Für den SchülerInnenchor selbst wurde das Lied zu einer Art Ohrwurm, der sie bis in die Sommerferien hinein begleitete und jenes Element von Kandls partizipatorischer Praxis einlöste, das eine Einbindung sozialer Prozesse als grundlegendes Element der künstlerischen Arbeit sieht und im weiteren Kommunikationsprozess der beteiligten AkteurInnen seine Fortführung findet.

 

Walter Seidl  in Kämpfer, Träumer & Co, Lentos, 2006

 



[1] Siehe Tomislav Medak/Petar Milat. „Über den Gebrauch und Missbrauch von Intelligenz fürs Leben.“ in MALMOE 9/2006.

[2] http://www.mip.at/de/dokumente/1688-content.html

[3] Herman Melville. Moby Dick.  A Norton Critical Edition. New York: Norton, 1967, S 12f.