ANEKDOTEN

 

Mein Vater

 

Mein Vater wurde 1925 in Laa an der Thaya geboren, einer kleinen Stadt, die 1230 als Bollwerk gegen die böhmisch-mährischen Landesherren angelegt worden war. Von 1945 bis 1989 lag Laa am Eisernen Vorhang.

Mein Vater war nie wirklich vom Weinviertel weggekommen; abgesehen von seinen Jahren im Krieg, aus dem er als 19-jähriger SSler mit Kopfschuss, schwer traumatisiert in die russische Besatzungszone zurückkehrte. Er arbeitete beinahe sein ganzes Leben in Laa, wo die meisten seiner Verwandten und Bekannten lebten und auch arbeiteten.

Fremden und besonders den Nachbarn jenseits der Grenze misstraute er. Als nach 1989 der Grenzverkehr sehr schnell zunahm, war ihm das gar nicht recht.

Obwohl sich dadurch die Region wirtschaftlich rasch belebte, blieb er, wie viele andere Menschen in dieser Gegend, skeptisch bis ängstlich. Einmal sagte er: „Acht Meter hätte ich die Mauer gebaut!“

Ich glaube, es war 1999, als ein tschechischer LKW vor dem Haus meiner Eltern parkte. Der Fahrer saß im Führerhaus und machte offensichtlich Pause. Meinen Vater irritierte das Fahrzeug sehr. Nach etwa 15 Minuten rief er die Gendarmerie an und verlangte die Entfernung des Fahrzeugs.

Als der Gendarm kam, bat er den LKW-Fahrer, ein Stück nach vorn zu fahren. Dann sagte er zu meinem Vater: „Herr Schäffer, der Fahrer saß ja im Fahrzeug, den hätten Sie doch auch ersuchen können, dass er ein Stück weiterfährt, damit Sie aus Ihrer Einfahrt herausfahren können.“ Darauf mein Vater: „Ich will doch gar nicht weg!“

Ein noch peinlicherer Vorfall ereignete sich einmal in Ameis. Ein Bauer fuhr vom Feld zurück ins Dorf. Es war bereits finster geworden, als er unweit des Ortes, hinter dem Bahndamm, ein geparktes Auto entdeckte, das er nicht kannte – und das er verdächtig fand. Er fuhr zu meinem Vater und erzählte ihm davon. Mein Vater nahm sein Jagdgewehr und fuhr mit dem Bauern los, um sich das Auto anzuschauen. Es stand noch immer am selben Platz, mit den verdächtigen Personen drinnen. Mit dem Gewehr in der Hand stellte mein Vater die Insassen zur Rede: Es war eine meinem Vater und dem Bauern gut bekannte Frau aus dem Ort mit ihrem Liebhaber.

Helmut Kandl