ANEKDOTEN

 

Die Überfahrt Tulcea–Izmail

 

Für unser Projekt hatten wir eine Reise nach Izmail im Donaudelta vorgesehen, wo die UDS ihre Zentrale hat. Wir wollten mit der Bahn ins Donaudelta fahren und mit unseren Freunden, die den Winter im Heimathafen verbracht hatten, im Frühjahr mit der „Wolga“ bei der ersten Saisonfahrt nach Wien zurück.

Auf dem Weg nach Izmail war eine Zwischenstation in Braşov (Kronstadt) in Rumänien eingeplant, um einen Freund zu besuchen, der dort eine Schuhmanufaktur betreibt. Für die Weiterreise nach Tulcea, die rumänischen Stadt, die Izmail gegenüberliegt, hat er uns seinen Chauffeur empfohlen, der uns sagte, dass wir von Tulcea mit einer Fähre über das hier 25 km breite Delta nach Izmail kämen.

In Tulcea gab es jedoch keine Fähre. Wir erfuhren, dass sie nur im Sommer regelmäßig verkehren würde. Heute, an einem Samstagnachmittag, hätten wir sowieso keine Chance, manchmal ginge am Mittwoch eine. Der Chauffeur, der die Fahrt über selbstbewusst und gesprächig gewesen war, wurde nun ziemlich kleinlaut. Wir wussten, dass wir am anderen Ufer von unseren Freunden erwartet wurden, sie auch sicherlich für uns gekocht hatten.

Auf dem Landweg gab es nur die Möglichkeit, über eine etwa 100 km entfernte Brücke zu fahren, was aber auch nicht viel Sinn gemacht hätte, da wir dann durch Moldawien hätten fahren müssen, wofür wir kein Visum hatten.

Als wir etwas hilflos im Hafen herumgingen, sprach uns ein ungefähr 40-jähriger Mann an und machte uns das Angebot, uns noch am selben Tag mit seinem Boot, der „Egreta Mica“, um 100 US-Dollar nach Izmail zu bringen. Wir waren überrascht, aber vor allem unsicher. Es war bereits später Nachmittag, man konnte sich ausrechnen, dass wir etwas Geld bei uns hatten. Wer würde schon etwas sehen, wenn wir auf der Fahrt zwischen den vielen kleinen Inseln verschwinden würden? Der Mann bemerkte natürlich unsere Unsicherheit und sagte: „Sie brauchen keine Angst zu haben, ich bin Russe!“

Viel Wahl hatten wir nicht, und wir erklärten uns schließlich einverstanden. Es war uns nicht klar gewesen, welcher bürokratischer Apparat in Bewegung kommt, wenn ein Schiff, auch ein sehr kleines, ein Land verlässt und in einem Hafen in einem anderen Land anlegen will. In Tulcea kam eine Gruppe von einem Dutzend Menschen, um die nötigen Amtshandlungen durchzuführen. Darunter der apathisch betrunkene Hafenmeister in Uniform, sein Stellvertreter, der eigentlich alles erledigte, eine Schreibkraft, der Amtsarzt, ein Herr vom Zoll. Nach einer guten halben Stunde konnten wir ablegen. Diese Amtshandlung hatte uns etwas beruhigt, auch der Umstand, dass wir mit dem Mobiltelefon unsere Freunde in Izmail erreichten.

Die „Egreta Mica“ war ein nettes kleines Boot; wir konnten uns hinten niederlassen, und der Kapitän ging ans Steuer. Kaum hatten wir den Hafen verlassen, öffnete sich die Tür der kleinen Kajüte, und ein zweiter Mann kam heraus; er war zwar während der Amtshandlung dabei gewesen, aber dann hatten wir ihn nicht mehr gesehen. Er hatte ein ca. 40 cm langes Messer in der Hand. Unser Herz blieb fast stehen.

Er ging zu einer Schüssel, die mit einem Tuch zugedeckt war, nahm einen Fisch heraus, zerteilte ihn mit dem Messer und briet ihn. Der Fisch schmeckte sehr gut. Wir holten einen Karton mit Mozartkugeln heraus.

Die 25 km lange Fahrt durch das Donaudelta in der Dämmerung an diesem Frühlingsabend war wunderbar.

Als wir uns dem Hafen von Izmail näherten, sahen wir bereits unsere winkenden Freunde vom Schiff „Wolga“. Die Formalitäten hier waren bereits alle vorbereitet. So brachten wir sie rasch hinter uns, und es erwartete uns ein großartiges Abendessen.

Helmut Kandl