ANKEDOTEN

 

Der Geschäftsmann

 

Als wir Ende 1997 in Aserbaidschan waren, trafen wir einen Wiener Geschäftsmann, der teilweise in Baku lebte und dort Geschäfte abwickelte, aber auch als Förderer von Künstlern bekannt war. Wenn man den charmanten älteren Herrn nach seinen Beruf oder danach fragte, was er hier in Baku mache, bekam man nur die knappe Antwort: „Geschäfte.“

Einmal erzählte er uns, er habe auf die falsche Familie gesetzt, nämlich nicht auf die des Staatspräsidenten Aliev, und das würde sich auf seine hiesigen Geschäfte sehr ungünstig auswirken.

Für den nächsten Tag waren wir zu ihm zum Frühstück eingeladen. Als wir zu seinem Haus kamen, wurden wir von einem der vier Wachposten empfangen. Das Haus war von einer festen Mauer umgeben. Als wir den Garten betraten, sahen wir, wie gerade ein Tankfahrzeug Wasser in den Pool pumpte. Der Hausherr: „Mineralwasser, ich hab eine sehr empfindliche Haut! Das Wasser ist hier nicht gut.“

Er zeigte uns eine Reihe von Gemälden, die er von Künstlern in Baku erworben hatte, während seine Bodyguards/Diener/Sekretäre uns umkreisten. Das Frühstück wurde uns vom Hausherrn selbst serviert. Während des Frühstücks kam eine junge Frau mit leicht verschlafenem Blick aus einem Nebenzimmer.

Sie wurde uns kurz vorgestellt. „Wenn wir dann in die Stadt fahren, bringen wir sie noch schnell bei ihr zu Hause vorbei“, meinte der Hausherr, und die Dame, jetzt im Pelzmantel und in hochhackigen Schuhen, stieg mit uns in den wartenden Mercedes. Wir setzten sie unterwegs ab und fuhren zur jährlichen Weihnachts- bzw. Neujahrsfeier der Künstlervereinigung weiter. Unser Bekannter, der Geschäftsmann aus Wien, wurde begeistert begrüßt.

Selten, aber doch decken sich Erwartung und Erfahrung …

Johanna und Helmut Kandl