Narrativitätskonstruktionen im foto- und videokünstlerischen Werk von Helmut & Johanna Kandl

 

Die Frage nach der (Re-)Konstruktion von Geschichte und erlebter Wirklichkeit führt zu einer Differenzierungsproblematik zwischen Graduierungsstufen von Objektivität und Subjektivität. Bilderfolgen und Textstrecken verwandeln sich in eine Matrix an Information, die sich in strukturalistischer Manier aus weiteren Informations- bzw. Sprach- und Zeichenketten zusammensetzt und nur mit wissenschaftlicher Akribie auf ihren Ursprung überprüft werden kann. Nach Überwindung der Problematik, ob es denn so etwas wie Objektivität gäbe bzw. der Annnahme, dass lediglich unterschiedliche Formen von Subjektivität existieren, die ihren Ausgangspunkt bzw. ihr Ende an einer vermeintlichen Objektivitätsgrenze haben, werden Geschichten um Personen und Ereignisse entwickelt, deren Kern zwar aus der Realität gespeist sein mag, sich aber mit Voranschreiten des Erzählten in Richtung Fiktion bewegt. In diesem Sinn lassen sich die Identitätsformationen einzelner Personen festmachen, bei denen sich nach Stuart Hall eine Kernidentität einstellt, die in ihrer äußeren Hülle jedoch formbar bleibt. Letzteres gilt auch für den künstlerischen Ansatz in Helmut & Johanna Kandls narrativem Werkkomplex, der sich vornehmlich auf die Medien Fotografie und Video bezieht und an einer Konstruktion von Geschichten festhält, die ihren Ausgangspunkt in der Realität selbst einnehmen, in ihrem Verlauf jedoch künstlerisch und kulturspezifisch formbar gemacht werden.

Die Beschäftigung mit dem Medium Fotografie, die auch Helmut Kandls eigenes Werk kennzeichnet(e), führt in vielfacher Weise zu einer Dekonstruktion des Dokumentarischen, das primär mit Erinnerungsmomenten in Zusammenhang gebracht wird und Fragen nach kulturellen Archivierungsmöglichkeiten von Alltagsmomenten aufwirft. Der Kern der (historischen) Identität liegt hier im fotografischen Abbild als faktisches Moment, die Interpretationsmöglichkeiten rund um die dargestellten Personen und Ereignisse resultieren aus dem jeweils eingebrachten künstlerischen Subjektivierungsvermögen. So agiert etwa Helmut Kandl in seiner Einzelarbeit Herr Doktor aus Wien aus dem Jahr 1998 als visueller Rekonstrukteur des Lebens eines Arztes in den 1930er, 40er und 50er Jahren anhand einer Fülle von Kleinbildnegativen und -dias. Ohne einträglichere Recherchen durchgeführt zu haben, gliederte Helmut Kandl chronologisch 800 aus den 14.000 Negativen und Dias nach Gruppen, die die Junggesellenzeit, die Ehe, die Frau des Arztes als Nacktmodell und auch die Tochter porträtieren, dazwischen Aufnahmen von Hitlers Ankunft in Wien sowie von zahlreichen Augenansichten im Close-up Format, die auf den Beruf eines Augenarztes schließen lassen. Geschnitten als Video im 2 Sekunden Bilderintervall knüpft Kandl hier an die Tradition von Diaschauen an, die in den 1930er Jahren aufkamen, mehrere Jahrzehnte vor allem im Privaten und seit den 1970er Jahren auch im Kunstkontext etwa bei James Coleman, Jack Smith oder Nan Goldin Verwendung finden.

Der Fokus liegt bei diesem in letzter Zeit immer mehr vom Aussterben bedrohten und bereits von Kandl in digitaler Form verwendeten Medium auf persönlichen Erinnerungsmomenten, aus denen sich durch die spezifischen Arrangements unterschiedliche Narrativitäts- und Identitätskonstruktionen ergeben. Für Robert Storr etwa gilt die psychologische Bedeutung von stets in dunklen Räumen stattfindenden Diaprojektionen als eines der wesentlichsten Elemente dieses Genres: „Projection – the displacement of the self, of the inner states onto exterior circumstances – is the most basic psychological mechanism and the fundamental condition of looking at pictures in the dark“[1]. Diese psychologische Komponente erzielt Kandl durch die Themenarrangements der Bilder, die den künstlerischen Blick auf ein, von der visuellen Ebene abgesehen, anonymes Leben werfen. Neben dieser psychologisch-identitären Komponente tritt vor allem auch der Aspekt des Cinematografischen in den Vordergrund, der für viele von Helmut & Johanna Kandls Foto/Videoarbeiten kennzeichnend ist. Der primäre Grund für eine kompositorische Abfolge liegt in dem von Kandl narrativ verhandelten Erinnerungsmodus, der aus der seriellen Bildbetrachtung resultiert. Die Länge der einzelnen Bildsequenzen ist weniger von Bedeutung als deren narrative, geschichtenerzählende Gesamtaussage. So nahm Helmut Kandl eine Auswahl an Porträts aus dieser Fotoserie und montierte sie zu einem halbstündigen Video aus 250 Bildern zu je 7 Sekunden, dessen Referenz an August Sanders Menschen des 20. Jahrhunderts unmittelbar ins Auge sticht und mit dem Titel Porträts Austria 1942-1944 versehen wurde. Auch hier geht es um eine kollektive, d.h. zeitspezifische Darstellung von Personen, deren visuelles Erscheinungsbild zu einem kulturellen Narrativ, d.h. einer soziografischen Studie Österreichs der 1940er Jahre transformiert.

 Erinnerungsmomente, die fotografisch vor allem im Urlaub festgehalten werden, da die Routine des Alltags memotechnisch nicht interessant genug scheinen mag, spielen auch in Helmut & Johanna Kandls Arbeit Auf der Insel Bella Lella (2000-2004) eine zentrale Rolle. Das Ziel des Projektes bestand darin, in unterschiedlichen Orten von den BewohnerInnen Urlaubsfotos zu sammeln, die daraufhin im Ausstellungskontext an den Wänden aber auch per Video präsentiert wurden. Einerseits ging es um die unterschiedlichen Urlaubsziele, die etwa bei den BewohnerInnen an der österreichisch-tschechischen Grenze Länder wie Bulgarien bzw. die Schwarzmeerküste ausmachten und in Deutschland Destinationen wie Italien oder Spanien. Andererseits stand wie bei den meisten von Kandls Werken die persönliche Kommunikation im Vordergrund, die zwischen BildbesitzerInnen und den beiden KünstlerInnen durch Smalltalk hergestellt wurde um letztendlich zu einer gemeinsamen Sprache zu führen. Bei der Präsentation des Projektes im Rahmen der Werkleitzbiennale zeigten die KünstlerInnen auch den 1960er Jahre DDR Kultfilm Heißer Sommer sowie die Textfassung eines Interviews mit dem Liedermacher Hartmut König. Der Titel zu ihrer Arbeit stammte übrigens vom Schlagersänger Peter Kraus, der in einem seiner Lieder die Insel Bella Lella als Urlaubsdomizil besang. Bei diesem Projekt, das in unterschiedlichen Orten durchgeführt und präsentiert wurde, zeigte sich Helmut & Johanna Kandls Fokus auf die Bedeutungsverschiebungen an den einzelnen Orten, auf die die KünstlerInnen jeweils gesondert eingehen, um aufgrund der Sozialisation der beteiligten Personen spezifische kulturelle Narrative herausarbeiten zu können.

Ein kultureller Narrativ der anderen Art entsteht im Video Haus der Frauen von 2004. Die Erinnerung anhand von Bildern dient hier nicht der Rekonstruktion von Geschichte sondern der Konstruktion von projektierter Identität. Als Auftragsarbeit konstruiert, handelt es sich in diesem Video um die Erstellung einer fiktiven Biografie für die Frau des neureichen Herrn Selimkhanov, der seine russische Identität dadurch aufzubessern versucht. Gleichzeitig stellt sich der Drehort, eine Villa im Salzburgerischen, als Besitz einer reichen Dame der Gesellschaft heraus, der es ein Anliegen ist, dass KünstlerInnen sich dieses Hauses und vor allem des riesigen Kleiderfundus annehmen. Die Eingangsszenen zeigen die vier Frauen und Darstellerinnen, darunter auch Johanna Kandl, die in verschiedensten Kleidern ein und ausgehen. Dazu Klaviermelodien und 8mm Filmeinspielungen mit einem jungen Mädchen und der Festung Hohensalzburg als Kulisse, die die Herkunft von Frau Selimkhanov bezeugen sollen.

Die Art der Narration in diesem Video reflektiert die globalen Veränderungen und Kapitalflüsse der letzten Jahre, die sich in eine neue wirtschaftsethische Dimension eingefügt haben, bei der historische Entwicklungen ihre Gültigkeit zu verlieren scheinen. Während die Konstruktion von Identität beliebig formbar gemacht werden kann, bleiben zumindest die Grundelemente der jeweiligen kulturellen Verhaltensmuster bzw. Narrative beständig. Für Mattias Kayser manifestiert sich Herrn Selimkhanovs fiktive Identität folgendermaßen: „während die Zeitgenossen des 19. Jahrhunderts an eine Nachwelt dachten, eben an ihre Biographen, zielt Mr. Selimkhanov auf die unmittelbare Gegenwart. Ihm scheint es kaum wichtig zu sein, wie man sich seiner erinnert, es geht ihm darum, wie er heute dasteht. Es geht ihm um seine Fassade, oder, um es mit einem zeitgenössischen Begriff aus der Computersprache auszudrücken, um seine Benutzeroberfläche“[2]. Die virtuelle, künstlich geschaffene Oberfläche gilt für viele als Mittel, um sich selbst darzustellen jedoch ohne sämtliche biografische Eckdaten angeben zu müssen. Während das Internet als digitales Medium diese Möglichkeit erst seit kurzem bietet, steht die Literatur der Postmoderne als Vorreiter jener Tendenz der multiplen Identitäten, deren fiktionale Konstruktionen mit realen, kulturspezifischen Erfahrungsmomenten korrelieren. Thomas Pynchons Roman The Crying of Lot 49 (Die Versteigerung von Los No. 49) von 1966 gilt hier als Paradebeispiel aufgrund der Verstrickungen in die Biografie und das Erbe jener Person namens Pierce Inverartity, dessen visuelle Spuren seiner Ex-Freundin eine Fülle an Rätseln aufgeben. Wie sich Identitäten konstruieren und in einer universellen Sprache manifestieren, zeigt sich auch an der Auswahl des Sprechers in Haus der Frauen. Eine männliche amerikanische Stimme kommentiert das Geschehen rund um den Filmdreh und versucht dadurch eine quasi objektive Komponente in dieses Netz aus Fiktionen einzuführen.

Die Glaubhaftigkeit des Sprechaktes kommt auch in dem 2005 für das Einstein Forum in Potsdam realisierte Video Ajnštein, Novi Sad zu tragen. In dieser Arbeit handelt es sich um die Tochter Albert Einsteins, die er gemeinsam mit der serbischen Mitstudentin und späteren Ehefrau Mileva Marić 1901 in Zürich gezeugt hatte, aber von ihrer Mutter nach der Geburt 1902 bei ihren Eltern in Novi Sad gelassen und ihrem Vater vorenthalten wurde. Diese Tatsache drang 1987 durch die Veröffentlichung der „Collected Papers“ aus dem Nachlass Einsteins ans Tageslicht. In Kandls Video arbeitet Mileva Marić gemeinsam mit ihrem Ehemann in Bern an Berechnungen, um die Tochter 22 Jahre in die Zukunft zu versetzen. Im zweiten Teil des Videos berichtet ein amerikanischer Sprecher in Form einer Nachrichtensendung aus dem Jahr 2008 anlässlich des 85. Geburtstags von Nada Novaković, die nach Tito zu Jugoslawiens Staatspräsidentin wurde und für die EU an der Realisation der United States of the Balkans beteiligt war.

Die Verwendung von Bruchstücken aus der Geschichte als Ausgangspunkt für fiktionale Konstruktionen führt Helmut & Johanna Kandl ins Terrain sozialistischer Utopien, die jedoch nicht mit der Realisation von Marx’ Ideen sondern mit aktuellen globalisierungsbedingten Auswirkungen enden. Feldarbeiter und Tierzüchter mit Laptops, Balkan Food Chains und wirtschaftlicher Aufschwung der gesamten Region werden verknüpft mit Projektionen in eine positive Zukunft, in der die Inegalitätsschranken abgebaut und Kriege ausgeblendet werden. Durch den Einsatz von schauspielerischen Einzelszenen der Begegnung zwischen Einstein und seiner Geliebten sowie der Gestaltung der Nachrichtensendung mit bewegten Bildern und Einzelstills konfrontieren Helmut & Johanna Kandl BetrachterInnen mit gegenwärtigen (Fernseh-)Bildvariationen und der Irritation, die durch den massenmedialen Informationsmissbrauch ausgelöst wird. Durch zahlreiche Recherchen der Kandls in Novi Sad bleibt jedoch die Frage offen, wie viel Wahrheit im Informationsgehalt des Videos steckt und an welchen Stellen die fiktionalen Einschübe überwiegen. Resultierend aus dieser Arbeit entwickelten Helmut & Johanna Kandl 2006 anlässlich des Kunst im öffentlichen Raum Projektes „Geschichte(n) vor Ort“ im Wiener Volkertviertel ein ähnliches Szenario, bei dem einer künftigen Nobelpreisträgerin ein Denkmal gesetzt wurde und in einem Video BewohnerInnen und JugendfreundInnen der besagten Person über ihre Begegnungen und das Viertel  berichten.

Die Vielschichtigkeit an Narrationsketten und –ebenen zeigt sich auch in Helmut & Johanna Kandls jüngster Videoarbeit Upstairs/Downstairs. Als Grundlage für Titel und Inhaltlichkeit diente Johann Nestroys Posse Zu ebener Erde und erster Stock. Die Ebenen, auf die das KünstlerInnenpaar hier anspielt, sind jene des Linzer Lentos Museum. Auch in diesem Video ist die Off-Stimme als Kommentar der Handlung wesentlich, in der es darum geht, sich durch Kunst eine angesehene Position innerhalb der Gesellschaft zu verschaffen. Parallel zur Erzählung werden immer wieder Texteinschübe ins Bild gebracht, die die Ängste der beteiligten ProtagonistInnen widerspiegeln und einen im Museum stattfindenden Diebstahl aus einer psychoanalytischen Sicht betrachten, bei der es um Befürchtungen des Abstiegs aus der Mittelklasse, wirtschaftliches Scheitern sowie um die Hoffnungen des Aufstiegs seitens der unteren Schichten geht. Das Video entstand anlässlich von Helmut & Johanna Kandls Ausstellung im Lentos Museum und knüpft an die partizipatorischen Projekte der beiden KünstlerInnen an, denen es immer darum geht, ihre Werke auf die einzelnen Präsentationsorte abzustimmen.

Die unterschiedlichen Bezugsebenen zwischen Realität und Fiktion verweben die KünstlerInnen anhand der minutiös durchgedachten Storylines, die stets eine inhaltliche Referenz zu kulturellen Narrativen aus dem osteuropäischen Raum aufweisen, auch wenn diese manchmal über gesellschaftliche Denkplattitüden nicht hinausgehen. Im Vordergrund stehen jeweils Kollaborationen mit für die jeweiligen Projekte relevanten Institutionen, was für Helmut & Johanna Kandl eine Vielfalt an möglichen KünstlerkooperationspartnerInnen nicht ausschließt. Letzteres ist an einer Reihe von Videos zu sehen, die Helmut Kandl gemeinsam mit dem Berliner Künstlerkollegen Shahram Entekhabi durchführte, darunter auch Arbeiten, die sich näher an der Realität als an der Fiktion orientieren, wie etwa ein Video, in dem sich die beiden Künstler in einem Boxkampf duellieren. Ob persönlich oder stringent politisch wie etwa Johanna Kandls und Ingeborg Strobls Gegenansage zur schwarz-blauen Regierung in Österreich im Jahr 2000, die sich in einem weiß durchgestrichenen schwarz-blauen Button manifestierte, das tausende von DemonstrantInnen und Kulturschaffende trugen und in Österreich eine der wichtigsten künstlerischen Arbeiten der letzten Jahre darstellt – das Werk von Helmut & Johanna Kandl orientiert sich stets an alltagsrelevanten Themen, wodurch die KünstlerInnen Privatheit und Öffentlichkeit miteinander verschränken und die Notwendigkeit gesellschaftlicher Veränderungsprozesse demonstrieren.

 

Walter Seidl  in Kämpfer, Träumer & Co, Lentos, 2006

 



[1] Robert Storr. „Next Slide, please...“ in: Slide Show. Darsie Alexander, Hg. London: Tate Publishing, 2005. S. 67.

[2] Mattias Kayser. „Identität als Benutzeroberfläche. Zur Maskierung von Erinnerung  in Haus der Frauen. Ein Beitrag aus psychoanalytischer Sicht.“ In: an/sammlung an/denken. Ein Haus und seine Dinge im Dialog mit zeitgenössischer Kunst. Cornelia Meran, Hg. Wien/Salzburg: Edition Fotohof, 2005, S 65f.