SIE NENNEN ES WIRKLICHKEIT

 

Zu meinen Angewohnheiten gehört es, über Monate gewachsene Sammlungen von Zeitungsartikeln binnen weniger Stunden wegzuwerfen. Erst zerlege ich einen großen Haufen in mehrere kleine, die dann in den Papierkorb wandern. Mal ist es Nervosität, mat etwas anderes, heute ergab es sich wieder. Stundenlang lese ich dann befremdet Sätze wie „Sinkende Fieberkurve – nicht überall, wo Internet draufsteht, ist Rendite drin.“ So genau wollte ich das mal wissen? Verwundert betrachte ich das Datum, 30. 6. 1999, gar nicht lange her. Waren die Internet-Aktien nicht in einer viel entfernteren Vergangenheit abgestürzt? Während Stapel sich reduzieren, stoße ich immer wider auf Artikel mit dem gleichen Datum. Selbst nach genauer Untersuchung ist nicht Besonderes in der Nachrichtenlage dieses Spätsommertages zu entdecken. Hatte es persönliche Gründe gegeben, dass ich die Gegenwart an diesem Tag einfrieren wollte? Ich versuche mich zu erinnern, was sich in meinem Leben ereignet haben könnte. Keine Erklärung will sich fügen. Das erst vor wenigen Wochen Erlebte war wie von einem schwarzen Zwerg verschluckt. Den Begriff für das astronomische Phänomen der schwarzen Löcher lernte ich im Gespräch mit Johanna Kandl. Er gefiel mir, auch in der Art, wie er scheinbar zusammenhangslos im Gespräch auftauchte. Vielleicht würde sich ein Zusammenhang ergeben. Aus einer Schachtel ziehe ich die Fotos, die sich an diesem Nachmittag , Anfang Oktober, in ihrem Atelier aufgenommen hatte An den Wänden lehnten kleine bis mittelgroße Formate, auf denen Kandl sich einen eigenartigen Umgang mit Erinnerung erfindet und eine merkwürdige Gleichzeitigkeit ins Werk setzt.

Die in matt leuchtenden Farben gemalten Bilder setze Fotografien um, die Kandl auf ihren Reisen, meist in den ehemaligen Ostblock oder auf Spaziergängen durch Wien über mehrere Jahre aufgenommen hat. Manche der Bilder wirken zielerichtet, halten persönliche Begegnungen fest, entdecken Sujets, andere registrieren beiläufig die vorüberziehende Wirklichkeit. Die festgehaltenen Szenen scheinen vertraut manche Motive neigen zum Genre. Geschäftigkeit und Gelassenheit wechseln sich in einem freundlichen Miteinander ab. Marktstände, ZeitungsverkäuferInnen, ArbeiterInnen, Menschen begegnen sich auf Reisen. In ihrer gemalten Reproduktion überlagert Kandl die Momentaufnahmen in gewählten Ausschnitten mit Sätzen aus Wirtschaftsmagazinen, ManagerInnen-Handbüchern und Stellenanzeigen. Die sich überlappenden Ebenen manipulieren einander. Das Bildnerische wird von der Schrift mit zusätzlichen Bedeutungen aufgeladen.

Es sind knappe Sätze, oft Tugenden, wie „the abilty to rapidly respond to a constantly changing marketplace“. Zu verstehen sind sie als Anweisungen, Konsequenzen  aus einer als unabänderlich behaupteten Welt. Die fragmentierten Schlagzeilen reproduzieren die Logik eines beschleunigten Kapitalismus, der offensiv in noch unerschlossene Bereiche des menschlichen Lebens vordringt – sich Alltag und Kommunikation als Versatzstücke einer informelle Ökonomie aneignet. Die damit verbundene Verschiebung des Begriffs von Gemeinschaft spiegelt sich in Kandls Montage wieder. Diese Offensive setzt medial einen Angriff auf die Wirklichkeit in Szene, der alles ihm Greifbare seiner Gesetzmäßigkeit unterwirft. „Your company should be a microcosmos oft he global marketplace“. Die quasi-pornografische Sprache der ökonomischen Logik versucht sich vor die Wahrnehmung zu lagern.

Bei diesem Versuch einer Kolonisation der Innenwelt ihrer Adressaten sticht besonders ins Auge, wie absolut und naturgegeben sich diese Sprache  mit ihrer Behauptung totaler Gegenwart gibt. Vergangeheit taucht in ihr vor allem als verschlissenes Material auf, während die Zukunft eine gerade Linie zum Horizont bildet.

In den von Kandl gewählten Textfetzen zeichnet sich das Phantasma einer Formeln und Befehlen gehorchenden Welt ab. „He had chosen to eat, rather than to be eaten“, ein Sprachtuktus, der subjektive Faktoren auslöscht und seine LeserInnen zu Organen einer Maschine degradiert, deren Gesetzen Folge zu leisten ist. Die Freiheit liegt darin zu funktionieren. Jenseits von richtig und falsch gibt es in dieser Sprache keine Wirklichkeit.

Kandls Bilder öffnen eine Lücke zwischen dem Jargon der Sprache und der meist im Wiederspruch zu ihm stehenden Atmosphäre der Szenarios. Wirken die beiden Ebenen im ersten Moment schlüssig miteinander verzahnt, kippt dieser Eindruck umgehend. Sicher, so soll man es sich vorstellen, was sich „Neoliberalismus“ nennt, als Welt, in der die Eliten des Kapitals und die fliegenden HändlerInnen  einer Kofferökonomie den gleichen Tugenden folgen.

„Self motivation and excellent communcation skills“ werden fraglos an beiden Enden des Wohlstandes – oder in allen Klassen – erwartet. Doch spätestens wenn in Kandls Malerei ein Eismann und ein Kuchen verkaufende Frau unter dem Slogan „strong leadership and communication skills are essential“ stehen, sieht das nur noch absurd aus, was es auch ist, und wird dennoch  mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln durchgesetzt.

Vermitteln lässt sich auf unser Unterbewusstsein zielender Humbug wie „nothing succeeds like success“ nur in einem rassanten Tempo, bei dem die ZuhörerInnen im Gefühl bleiben, der Wirklichkeit hinterher zu hecheln – ständig in das Gefühl versetzt werden, zu spät dran zu sein. An diesem Punkt bildet sich in den Arbeiten eine weitere Unterbrechung, die die verschiedenen Geschwindigkeiten innerhalb der Montage sichtbar macht.

Während die Bilder von einer Wirklichkeit handeln, die Kandl konkret erlebt hat, speist sich die Instant-Sprache der Texte aus einer abstrakten Behauptung, wie die Welt zu sein habe. Instant ist auch Kandls erste Transformation ihrer Wahrnehmung – Schnappschüsse mit einer billigen Kamera, die Momente auf der Zeitachse maschinell einfrieren. Versuche, der Erinnerung später einmal auf die Sprünge zu helfen, der verstreichenden Zeit etwas zu entreißen; Bilder mit komischen Farben, unscharfen Konturen und Menschen f

darauf mit blitzlichtroten Augen. Wie sie jeden Tag in den industriellen Fotolabors abgezogen werden Diese Erinnerungsstützen transformiert Kandl, indem sie Zeit investiert, die schnelle Lösung in die Länge streckt, indem sie die Fotos wiederum abmalt. Das Ergebnis ist eine eigenwillige Variante der Genremalerei.

Scheinbar Nebensächlichen, schnell Notierten wird Dauer verliehen. Situationen aus der Zeit herausgehoben. Der Bruchteil einer Sekunde wird für Stunden wieder ins Bewusstsein gerufen. Folgt man der Logik der Sätze in den Bildern, wird einfach Zeit verschwendet.

Das ineffektive Handeln führt zu einigen Knoten auf der Zeitachse.

Betrachtet man diese, stößt man auf Erstaunliches: nicht nur zeigt die Malerei als altmodische Technologie des Abbildens archaisch anmutende Straßenmärkte von heute, sondern diese neuen Wirtschaftlichen Formen rekonstruieren real Handelswege aus dem Mittelalter, wie sich anhand der „grauen Ökonomie“ in Ungarn nachvollziehen lässt. Es kommt aber noch zu ganz anderen Verdrehungen. Immer wieder sind es die farben in Johanna Kandls Bildern, die den Eindruck hinterlassen, aus einer anderen Zeit zu stammen. Wovon berichtet wird, spaltet sich ein eine Nebenstrang – die Bildelemente sperren sich gradliniger Beschleunigung.

Durch Wiederholung kristallisieren, was einem da geschehen ist. Kandl zementiert keine Sichtweise. Die Rückblicke auf Momente in der Vergangenheit sind nicht auf den Punkt gebracht. Die in Malerei übersetzten Schnappschüsse bilden vielmehr ein Gewebe, in dem sich Linien ziehen lassen zwischen den Punkten, die da mal waren. Obwohl alles konturiert erscheint, tauchen Schemen auf, verflechten sich und bilden wiederum Verweise.

Ist das Handschriftliche in den Reproduktionen der Fotos wirklich zurückgehalten? Sind die Rückblenden persönlich oder allgemein? Fragen, die unentschieden bleiben. Nicht, da Kandl dies noch nicht für sich geklärt hätte, vielmehr scheint es ihr genau um dieses Eröffnen verschiedener Möglichkeiten, die Belichtung eines Möglichkeitssinns, zu gehen. Die gewählten Fotos, die Ausschnitte, all dies ist nicht zufällig, aber sie sind es auch. Sie sind privat, aber nicht singulär. Sie meinen öffentliches Leben, aber gibt es das ohne Privates? Alles scheint von der Ökonomie bestimmt, aber hat diese noch eine Bestimmung?

Ständig werden Grenzlinien begangen, zwischen zwei oft einander entgegengesetzten Polen. Dualitäten werden aufgerufen, aber nicht realisiert – das hegemoniale Konstrukt läuft leer. Vielmehr baut sich in den Bildern von Johanna Kandl eine zweite Option auf, lässt in der Verdoppelung einen Möglichkeitssinn aufscheinen. Fraglos geht es darum, das kapitalistische Diktum er Gegenwärtigkeit zu verlassen, in dieser Abwendung wendet sie sich wiederum voll und ganz der Gegenwart zu. Es kann eine wunderschöne Welt sein, die dort in den Bildern zu sehen ist, es kann aber auch nicht sein.

*Alle englischen Zitate entstammen Bildern von Johanna Kandl

Hans-Christian Dany in Johanna Kandl, Secession, 1999