Helmut Kandl
Herr Doktor aus Wien, 1998
Video, 25  min.

.... Die wichtigsten Schritte im Arbeitsprozess von Helmut Kandl mit Fremdmaterial bestehen im Sichten, Ordnen, Auswählen, Arrangieren und manchmal mit Text zu kombinieren. Das 1998 veröffentlichte Video „Herr Doktor aus Wien“ basiert auf der Auswertung eines gefundenen Konvoluts von 14.000 Negativen und Dias eines unbekannten Fotografen aus dem ungefähren Zeitraum von 1930–1950. Ohne eigene Recherchen angestellt zu haben, basiert Kandls Annahme, dass es sich bei dem Fotografen höchstwahrscheinlich um einen Augenarzt handelt, auf der Auswertung der Bildmotive. Für die sequentielle Aneinanderreihung einer Auswahl von 800 Bildern hat er diese chronologisch sortiert und in sieben Kapitel unterteilt. Auf diese Weise entsteht eine von Kandl arrangierte biografische Bilderzählung. Anhand Kandls strukturierender Ordnung nähert sich der Betrachter einer ihm völlig fremden Biografie und nimmt Anteil an einem lebensgeschichtlichen Prozess, dem er seine eigenen assoziativen Empfindungen und Gedanken hinzufügt. Die Faschisierung Österreichs, deutlich sichtbar an den Hakenkreuzflaggen und den zunehmenden Wehrmachtsuniformen im Straßenbild, macht auch vor dem Fotografen nicht halt, dem die Erzählung durch den Krieg hindurch folgt. Wir nehmen teil an Junggesellenzeit, der Liebe, Familie, Kinder, Krieg und dessen Ende, Überleben auf dem Land, zunehmender Wohlstand, Wirtschaftswunder und Italienurlaub und allmählich werden wir der draller werdenden Körper gewahr und sehen für die Zeit gewagte erotische Aufnahmen. Der zwischen Dokumentation und Fiktion schwebende Bildroman, den Kandl aus den Bildern montiert, bebildert die Biografie eines funktionierenden „Mustermann“, der wie Tausende andere ohne besondere Auffälligkeiten „seinen“ Weg gegangen ist. Diese Bildgeschichte wird zum Pars pro Toto einer sich nicht wiedersetzt habenden Generation von Kriegsteilnehmern und willfährigen Soldaten im Dienst der NS-Politik, um sich danach unreflektiert voll und ganz auf den eigenen Wohlstand zu konzentrieren. Weil Kandl außer den Kapiteltiteln weder Text noch Musik oder Ton hinzufügt, beginnt der Betrachter einen eigenen Text unterzulegen. Matthias Reichelt  (aus Camera Austria 132/2015)