Johanna Kandl
Der Kreis ist noch lange nicht geschlossen, 1994 – 1996
Intervention am Heldentor, Heldenplatz, Wien, 1995; Intervention in der Arkadenstallburg, Wien, 1994; Seite in der Tageszeitung Der Standard, 1995; Intervention im Forum Stadtpark, Graz, 1996

Floridsdorf, der 21. Wiener Gemeidebezirk, war nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1955 russische Besatzungszone. Die sowjetischen Soldaten tauchten während meiner Kindheit in vielen Erzählungen auf, teils als böse, teils als lieb zu Kindern, aber immer ein bisschen geheimnisvoll.

Als 1994 die russischen Truppen aus Deutschland abzogen, wollte ich dabei sein – ich hatte Lust auf ein historisches Déjá-vu, Lust, etwas in aktualisierter Form zu erleben, von dem ich nur Erzählungen kannte.

Im Sommer 1994 verbrachte ich einige Tage in Wünsdorf bei Berlin, der größten russischen Militärstadt Deutschlands. Im Trubel der Auflösung und der fröhlichen Weltuntergangsstimmung im sehr schönen, heißen Sommer konnte ich ziemlich ungehindert aus- und eingehen und fotografieren.

In dieser außergewöhnlichen Situation entstanden die seltsamsten Trink- und Spaßgesellschaften, sehr bunt zusammengesetzte Runden. Man wurde eingeladen, sich dazuzusetzen und mitzutrinken. U. a. lernte ich Franz, einen Kasachstandeutschen, kennen, den idealen Übersetzer, aber auch Sascha und Irina, einen russischen Soldaten und seine Frau. Ihn Sascha besuchte ich dann, gemeinsam mit Margherita Spiluttini, in Twer bei Moskau, wo die österreichische Firma Maculan Wohnungen für russische Militärangehörige errichtete.